Böttgerweg (Tafel 1): Wovon lebten die Paulusbrunner?

Historische Stätten Infopunkt

Wovon lebten die Paulusbrunner? Es gab viele Verbindungen zu Bärnau „Die hier lebenden Leute ernährten sich vor allem von der Waldarbeit oder Glasmacherei. Die Haupternährungsquelle in der Herrschaft der Windisch Grätzer war die Landwirtschaft. Mit Ausnahme der Groß-grundbesitzer, stand sie auf einem unterdurchschnittlichen Niveau. Sie ernährte kaum den heimischen Bedarf. Die Viehzucht war beschränkt, die Fischerei lag danieder. Bedeutend war die Holzwirtschaft. Doch die Arbeit war hart und der Lohn gering. Ein Schindelmacher bekam für 1.000 Schindel 2,60 – 4,00 Kronen. Industrielle Unternehmen fanden sich in: Inselthal eine Dampfsäge, eine Riemensäge in Galtenhof, drei geringere Sägen in Thiergarten, eine in Goldbach und eine Schindelmaschine in Paulusbrunn, sie wurde in Eigenregie betrieben und erzeugte jährlich zwischen 120.000 – 150.000 Schindeln. In Ringelberg stand eine K&K Maschinen Schuhleistenfabrik eines  Herrn Hösl. Sie benötigte pro Jahr 130 Klafter Buchenholz. In Sordhof, Goldbach und Köhlerhütte gab es drei Glashütten mit vier Öfen zur Herstellung von Spiegelglas“.

Quelle: Statistische und Topografische Beschreibung der hochfürstlichen Alfred von Windisch-Grätz`schen Domaine Tachau im August 1872.
Bild: Waldarbeiter Autor Kunstprofessor Rudolf Böttger

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Produktion der Perlmuttknöpfe. Während der Zeit entstanden in der Region auch Knopfmacherfabriken. 
Im Jahr 1838 gab es in der Gemeinde Paulusbrunn 84 Häuser, in denen 662 Einwohner lebten.  Mitte des 19. Jh. viel Flachs angebaut und daraus Leinen gefertigt. Fast in jedem 
Haus waren die nötigen Utensilien für die Flachsveredelung anzutreffen.                 

Paulusbrunn und die Entwicklung zum Ferienort Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Gemeinde langsam zum Ferienort; damals hieß es noch „Sommerfrische“. Vor dem 1. Weltkrieg gab es sieben Gasthäuser. Mädchen gingen gern in die großen Kurbetriebe nach Karlsbad, Marien- oder Franzensbad, oft sogar bis Wien. Die Männer arbeiteten als Maurer, Bau- oder Fabrikarbeiter in Bayern, da lockte die bessere Bezahlung. 1909 waren unter den 140 Fabrikarbeitern in Bärnau über 100 sudetendeutsche Einpendler, 1934 waren von 329 Knopfarbeitern 254 Grenzgänger.

Prinzfabrik: Ingrid Leser (Bärnau) berichtet:
Also die Prinzfabrik gehörte ursprünglich der Familie Adler, jüdische Familie Tachau/Bärnau. Die Familie  betrieb in Tachau sowie in der Prinzfabrik eine Knopffabrik und viele Leute aus Paulusbrunn arbeiteten dort  u.a. auch Frau Wolfs Vater, Herr Josef Würl. Würls stammten aus Hinterpaulusbrunn. Herr Würl war  Werkmeister. Frau Prinz, ebenfalls eine Jüdin kaufte von der Familie Adler vermutlich bei Ausbruch des II. Weltkrieges  oder  noch etwas früher die Fabrik ab und betrieb sie weiter als Knopffabrik bis in die Ende der  1940er Jahre.  Durch die Vertreibung waren keine Arbeiter aus Paulusbrunn mehr vorhanden und die Bärnauer gingen nach 1950 nicht zur Prinzfabrik zur Arbeit.Herr Würl hielt die Fabrik als Werkmeister  über Wasser, wenn Frau Prinz mal wieder eine Zeit lang verschwinden musste. Frau Prinz hat sich dann Anfang der 50er Jahre in Bad Ems eine Fabrik gekauft und wollte dort die Knopfherstellung  einführen. Herr Würl sollte mitgehen. Hat die neue Fabrik mit aufgebaut, blieb aber nicht in Bad Ems.  Die Prinzfabrik war, bedingt durch die Grenznähe ein Stützpunkt für den amerikanischen Geheimdienst CIA, das wissen wir aus  tschechischen Staatsakten.

Aus den Akten des Stadtarchivs Bärnau:(Quelle: Diplomarbeit Ute Schmidt 1993): 
Gesamtbevölkerungszahl 1950 der Stadt Bärnau 1.985 Personen. Hiervon waren 1.459 Einheimische und  526 Heimatvertriebene, davon 355 Vertriebene aus Paulusbrunn.
Die Bärnauer Bürger waren anfänglich einer Beschäftigung in der Knopfindustrie abgeneigt. Zur damaligen Zeit genoß ein Industriearbeiter geringes, soziales Ansehen, so dass die Bärnauer ihre Selbstständigkeit in der Landwirtschaft und in kleineren Gewerben nebenbei vorzogen. Die ortsansässige Heimarbeit wurde jedoch schon früh betrieben. Also waren die Grenzgänger hauptsächlich die Arbeiter in der Knopfindustrie. Quellen Ute Schmidt und Aufzeichnungen Franz Busl, Kreisheimatpfleger.: 1900 gab es nur einen Betrieb mit 80 Arbeitern. 1909 schon acht Betriebe mit 140 Arbeitern und 160 Heimarbeitern. Nach dem ersten Weltkrieg ging es mit der Knopfindustrie 
wieder aufwärts: 1925 waren es 19 Betriebe mit 345 Arbeitern und 100 Heimarbeitern. Dann kam die Weltwirtschaftskrise 1929-32. Es haben nur 10 Betriebe mit 71 Arbeitern 
überlebt. 1934 waren 14 Betriebe mit 329 Arbeitern und 81 ortsansässige Heimarbeitern. Arbeiter: davon 75 Ostansässige und 254 Grenzgänger. 1937 17 Betriebe mit 370 Arbeitern. 1937 schon 37 Betriebe mit 370 Arbeitern und 100 Heimarbeitern. ¾ davon waren Grenzgänger aus Paulusbrunn, Galtenhof, Tiergarten und Tachau. Es war für sie auch lukrativ, da sie in Bärnau um 25 % mehr verdienten als in Böhmen. Dann kam der 2. Weltkrieg der wieder das Ende für die Knopfindustrie brachte.
Ab 1945 bis  1955 entstanden 45 Knopfbetriebe. Die Bedeutung der Paulusbrunner für die Knopfindustrie blieb auch nach dem zweiten Weltkrieg und der Vertreibung erhalten. 
Viele Paulusbrunner siedelten sich nach der Vertreibung in Bärnau und vor allem in Hermannsreuth an. Verschiedenen wirtschaftlich Umstände und die Umstellung der Produktion von Perlmutter auf Kunststoff (Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre haben die Betriebszahlen wieder sinken lassen. 1957 waren noch 37 Betriebe mit 616 Arbeitern und 93 Heimarbeitern. 1958 ging es auf 28 Bettriebe mit 403 Arbeitern zurück. 1959/60 waren 135 ehemalige Paulusbrunner in der Knopfindustrie beschäftigt. 1967 waren noch 17 Betriebe mit 343 Arbeitern und 102 Heimarbeitern. 

Quelle:

Landkreis Tirschenreuth

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Organisation:

Tourismuszentrum Landkreis Tirschenreuth

Zuletzt geändert am 24.06.2020

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